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Christian v. Ditfurth: Die Mauer steht am Rhein (Knaur 61805) gelesen von Gunther Barnewald
Nach Gorbatschows Sturz 1988 übernehmen politische Hardliner die Macht in der UdSSR und beginnen wieder mit dem Säbel zu rasseln. Das internationale Tauwetter ist beendet und man handelt sogar einen perfiden Deal mit den ehemaligen Alliierten aus. Durch die Preisgabe Kubas gelingt es der UdSSR, die Alliierten zum Abzug all ihrer Truppen in Westdeutschland zu bewegen. Statt dessen übernehmen sowjetische Truppen deren Gelände und Deutschland wird unter Führung des großen sowjetischen Bruders wiedervereinigt. Begründet wird die "Eingemeindung" der BRD mit der Kriegsschuld der Deutschen am 2. Weltkrieg, welcher an allem Elend der Ostblockstaaten in der Gegenwart Schuld sei, weshalb die Deutschen dafür jetzt zahlen müssten. So wird die reiche BRD dem Ostblock angegliedert und die UdSSR wird sogar das teure "Zuschussgeschäft" Kuba los. In Deutschland bemüht sich deshalb die SED federführend um die Wiedervereinigung, dabei öffentlich immer betonend, man achte die Unterschiede zwischen Osten und Westen und strebe keine Vereinheitlichung an. Dies sind jedoch reine Lippenbekenntnisse und vermittels gewendeter Westhelfer (z.B. Karsten D. Voigt und Peter Boenisch) gelingt es den Ostgenossen immer mehr, den Westen auf DDR-Standard zu trimmen. Während einige wenige das Unheil kommen sehen und nach Österreich oder in die Schweiz fliehen (z.B. Hans-Jochen Vogel, Joschka Fischer und Heiner Geissler), errichtet der neue Staat, der sich DRD (Demokratische Republik Deutschland) nennt, an seiner Westgrenze einen mächtigen "antifaschistischen Schutzwall", der alle "Republikflüchtlinge" wirksam aufhalten soll... Der Autor erzählt anfänglich kurz die Geschichte eines naiven westdeutschen Sportreporters, der in der neuen DRD über seine Arglosigkeit stolpert und ins mächtige Getriebe des Staates gezerrt wird. So schreibt er nach einem denkwürdigen Endspiel um die deutsche Fussballmeisterschaft zwischen dem BFC Dynamo und Vorwärts Dortmund (ehemals Borussia Dortmund), welches, dank einiger seltsamen Schiedsrichterentscheidungen des Magdeburger "Unparteiischen", mit einem knappen 1:0 für die Berliner endet, einen kritischen Artikel, welcher ihm die Entlassung und eine Verwarnung einbringt. Als er an seiner neuen Arbeitsstelle als Lektor eines Kirchenblattes einen folgenschweren Druckfehler übersieht, ist es um ihn geschehen und er muss zwangsemigrieren, um nicht verhaftet zu werden. Vermittels seines Bruders, der ein hoher Parteifunktionär ist, gelingt ihm die Flucht in die Schweiz, wo er einige ehemalige hohe SED-ZK-Mitglieder kennen lernt und von ihnen die genaue Geschichte der Wiedervereinigung erfährt. Er entschliesst sich, die Geschehnisse zwischen 1989 und 1999 als Buch niederzuschreiben, welches dem Leser in Form von
Die Mauer steht am Rhein vorliegt. Grosses Manko des Buchs sind sicherlich seine kärglichen literarischen Qualitäten. Die Protagonisten bleiben blass, das Leben 10 Jahre nach der "invertierten" Wiedervereinigung farblos, Atmosphäre ist kaum vorhanden. Das Ganze wirkt wie ein zwar intelligentes, aber doch blutleeres Doku-Drama in Sachbuchmanier. Wo das Buch als "Alternativweltroman" versagt, besteht es allerdings als Satire auf Politik, Politiker, "Wendehälse" und Zeitgeschehen glänzend. Der Leser gewinnt beim Einlesen immer mehr Freude an der Lektüre, wenn er sich für deutsche Politik und kulturelles Tagesgeschehen interessiert. Wie der Autor berühmte deutsche Persönlichkeiten darstellt und handeln lässt (von Honecker über Geissler bis Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki) ist viele Lächeln und einige Gelächter wert. Schon bald nach der Wiedervereinigung zeigt sich, dass "Wendehälse" in jeder Partei zu finden sind, sogar (oder gerade?) im tiefschwarzen Bayern. Hier dürften sich einige Berühmtheiten sicherlich heftig auf die Füsse getreten fühlen, vorausgesetzt sie nehmen Ditfurths Werk zur Kenntnis. So machen z.B. Kanzler Helmut Kohl und auch, nach Vogels Emigration, SPD-Chef Oskar Lafontaine keine gute Figur bei der "Wiedervereinigung". So erleidet die SPD das gleiche Schicksal wie die SPD in Osten nach dem 2. Weltkrieg. Sie wird schrittweise ihrer Macht beraubt, um schliesslich in der erdrosselnden Umarmung der SED zu landen. Während Kohl seinen Altersruhesitz am Wolfgangsee geniesst, werden alle westlichen Parteien zu "Blockflöten" gemacht. Ausnahme sind die "Grünen", welche der SED von Anfang an als zu oppositionell und gefährlich erschienen waren. Sie werden als erste zerschlagen, als Verräter der "Volksdemokratie" enttarnt und entweder verhaftet oder ins Exil getrieben. Dies stösst anfänglich auf grosse Begeisterung in allen anderen Parteien, gelten die "Sandalenträger" doch als Feinde oder Konkurrenten. Nur wenige Sozialdemokraten und einige Liberale empören sich kurzzeitig, der Rest frohlockt über das Ende des verhassten Gegners. Nach und nach bringt die SED alle Westparteien unter Kontrolle, sogar die CSU wird finanziell unterwandert und abhängig gemacht. Schliesslich wird sogar Bayern in vier neue Regierungsbezirke unterteilt und als Bundesland zerschlagen. Erst als durch die Abschaffung der D-Mark und die typische sozialistische Misswirtschaft die Staatsfinanzen den Bach runtergehen und die Menschen plötzlich kaum noch Geld haben und die Läden leer sind, werden viele rebellisch. Wie am 17. Juni 1953 kommt es zum Aufstand in der Bevölkerung. Was der Verlust der Freiheit nicht vermochte, schafft die wirtschaftliche Not. Doch schnell rollen demonstrativ sowjetische Panzer durch die westdeutschen Städte und die Genossen aktivieren alle Ressourcen, um dem Elend Einhalt zu gebieten. Während aus dem ehemaligen DDR-Gebiet alle möglichen Waren in den Westen transportiert werden, müssen die Ostdeutschen den Gürtel enger schnallen. So bekommen die Genossen auch diese kritische Situation scheinbar souverän in den Griff. Nur der senile Honecker wird hinter den Kulissen abgesägt und Egon Krenz tritt seine Nachfolge an. Mit viel Fingerspitzengefühl zeigt der Autor die schleichenden Veränderungen im Westen. So propagiert die SED ein hartes Durchgreifen gegen die Kriminalität (so wie dereinst das Dritte Reich) und lässt auch bald Taten folgen, wie die Wiedereinführung der Todesstrafe. Viele Menschen sind begeistert von dieser "Marschrichtung", achten sie doch die eigene Freiheit viel weniger als die eigene Sicherheit. Peter Gauweiler und seine Idee der AIDS-Lager wird hier von den ZK-Genossen lobend erwähnt. Erst als es ans eigene Geld und die Luxusartikel geht, wachen die Menschen auf. Doch dann ist es längst zu spät und die Genossen halten die Zügel schon viel zu fest in den Händen. Längst hat die Stasi auch im Westen genug Spitzel und Denunzianten gefunden und die Mächtigen der DRD wie Egon Krenz, Günter Mittag, Karsten Voigt, Peter Boenisch und Herrmann Axen sitzen fest im Sattel. 1999 wird der erste Fünfjahrplan beschlossen und beseitigt endgültig die "Anarchie des sogenannten freien Markts". Bald sind jedoch auch die Ressourcen der BRD aufgebraucht und die Wirtschaft ist wieder genauso marode wie vorher. Deshalb rasselt die UdSSR erneut mit dem Säbel. War nicht auch Österreich mitschuldig am Desaster des 2. Weltkriegs, welches ja allein das Elend des Ostbocks begründete? War nicht Hitler Österreicher? Und während die UdSSR ihren nächsten Coup vorbereitet, schliesst die Geschichte, welche Christian von Ditfurth erzählt. Als krönenden Abschluss die Andeutung eines perfiden Teufelskreises, der an Hitlers Vorgehen erinnert, welcher so lange Territorien annektierte, bis es zum Krieg kam. Liesst man Die Mauer steht am Rhein weniger als literarischen Alternativweltroman und damit als Sciencefiction, sondern eher als deftige Satire auf bestehende Verhältnisse und menschliche Verlogenheit, dann kommt man als politisch interessierter deutscher Leser zweifellos auf sein Kosten.
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. 2000, 256 Seiten. 16,90 DM, (Ursprünglich 1999 by Kiepenheuer & Witsch)

Quelle: SolarX 136